Studio 89

Das Original

"Das ist das einzige Radioprogramm mit Garantie. Es gibt keine heißere Show! Wenn es eine gäbe, würden wir unsere einstellen"(B.Graves)
Wer war Barry Graves

Am 24.11.2007 | 16:09 Uhr auf http://www.rp-online.de/ gefunden, inzwischen (2012) vom Netz genommen

Wer war Barry Graves?

von Arno Abendschön | Bad BevensenGraves im Rias Studio
Journalist, Musikkritiker, Radiomacher - und nach der Sendung ganz privat. Bei Wikipedia gibt es einen langen Artikel über ihn. Kaum einer von uns wusste, dass er Jürgen Deutschmann (!) hieß und aus Sachsen-Anhalt kam. Nein, er war Barry Graves, ein Deutsch-Amerikaner unklarer Herkunft. So strahlend seine Gegenwart, so unklar seine Vorgeschichte. Ich erfuhr, er sei schon bei den Anti-Springer-Demonstrationen dabei gewesen und zwar am liebsten in vorderster Reihe: Hat ihm besonderen Spaß gemacht, sich den Bullen vor die Füße zu schmeißen, du verstehst, was ich meine? Ich sah ihn jahrelang jede Woche an zwei oder drei Abenden, erst in der "S-Bahn-Quelle", später in der "Knolle". Sein Gang wirkte leichtfüßig, fast trippelnd, viel zu knabenhaft für sein Alter. Immerhin war er damals schon in den Dreißigern. Er rauchte nicht, trank nicht und ich kann mir nicht vorstellen, dass er Drogen nahm. Dennoch stand er permanent unter Strom, sein eigener überaus lebendiger Geist trieb ihn ununterbrochen an.

Er sprach viel und geistreich: müheloses Parlieren. Er kam nach Mitternacht aus dem Studio und war einfach weiter auf Sendung. Dieses Plakat da an der Ecke, sagte er, habt ihr's gesehen: die Seife, die cremt ... Und er grinste anzüglich. Er wirkte umfassend gebildet, schrieb einen hervorragenden Stil, z.B. in Artikeln für den SPIEGEL, und ich verstand damals nicht, wie er es fertig brachte, sich mit Rock- und Pop-Kultur zu beschäftigen. Das war ja seine Domäne, er hatte zusammen mit Schmidt-Joos das Rock-Lexikon verfasst. Ich dagegen nahm diese Musik nur als angenehm aufpulvernde Hintergrundakustik in den Bars wahr.

Bevor ich abends ausging, brachte ich mich mit Bruckners Sinfonien in Stimmung. Ich habe niemals eine seiner berühmten RIAS-Sendungen gehört. In meiner Erinnerung ist er nur der heitere und ironische Lokalgast, der lächelnd kritisierte: Gut, dass wir hier nicht in einer Leder-Bar sind ... Oh, sind wir doch? - Das angenehme dunkle Timbre seiner Stimme ist mir noch im Ohr. Er zeigte nie schlechte Laune, da er überhaupt nie Launen an den Tag legte. Er nahm jeden auf die gleiche freundliche, kameradschaftliche Weise ernst, auch wenn er gerade mit ihm konkurrierte. Und das kam recht oft vor. Er bevorzugte Männer, die das verkörperten, was ihm selbst so offenkundig fehlte: Erdenschwere. Wuchtige oder kantige Gestalten wie aus Lehm, denen er gern seinen Odem spenden wollte.

Schlaglicht: Das Jahr 1975 ist erst eine Stunde alt. Barry steht in der "S-Bahn-Quelle" und bemüht sich um A. aus München, einer von diesen vitalen Kantigen - und auch noch hübsch. A. hat B. mitgebracht und sagt, ohne B. laufe gar nichts. B. ist klein, schmächtig und eher menschlich rührend als speziell erotisch anziehend. Er weiß das und sein Wissen macht ihn auch nicht attraktiver. Barrys Fall ist er mit Sicherheit nicht. Barry bleibt charmant. Dann kümmert sich Barrys alter Busenfreund C. um B. Niemand begreift das. Es scheint für Barry gut zu laufen. Aber B. verdirbt alles: Nicht ohne meinen A.! Barry nimmt lächelnd in guter Haltung einen Vierer in Kauf. (Später wird man dann schon sehen ...) Da macht C. nicht mit, das Quartett kommt nicht zustande. Barry bekommt seinen Kuss und zieht weiter.

Da geht Barry Graves. Er hat noch neunzehn lange Jahre zu leben. LEBEN! Einer wie er hat wirklich gelebt, ich habe es gesehen. Eine ausführliche Biographie mit ausdrucksvollen Fotos von ihm findet man bei Google unter dem Begriff "Der Mythos Barry Graves".

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